Fachpersonen


Mein Ratgeber richtet sich vom Konzept her an Jugendliche, die mit der Depression eines Elternteils konfrontiert sind.

Es sind jedoch alle Hauptthemen berücksichtig, wie sie auch in der Literatur für Erwachsene vorkommen. Der Inhalt ist für Jugendliche angepasst und stark gekürzt. Der fachliche Inhalt wird dadurch nicht beeinträchtigt. Auf die Beschreibung der verschiedenen Formen der Depression habe ich bewusst verzichtet. In der Aufzählung der Symptome sind die Auswirkungen aller Formen berücksichtigt. Auch die verschiedenen Therapieformen beschreibe ich nicht ausführlich, da sie den jugendlichen Leser nicht direkt betreffen.

So ist ein informativer und klar verständlicher Ratgeber in kompakter Form entstanden, der auch für Betroffene, Eltern, Angehörige, Lehrer, Sozialarbeiter und medizinische Fachleute zur Unterstützung dienen kann.

Die Ratschläge resultieren teilweise aus den von mir durchgeführten Umfragen mit anderen betroffenen Jugendlichen und Erwachsenen. Es fliessen jedoch auch viele meiner eigenen Erfahrungen ein. Mir ist bewusst, dass die Realität in anderen Familiensituationen ganz anders aussehen kann.

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Bild zur Erläuterung der Vorgänge im Gehirn. Die Synapsen sind als Marienkäfer dargestellt. Ratgeber Kapitel „Was spielt sich im Gehirn ab“

Das Wohl der Jugendlichen und Kinder nicht vergessen


Bei der Depression eines Elternteils geraten die Bedürfnisse der Jugendlichen und Kinder oftmals in den Hintergrund. Es ist deshalb sehr wichtig, dass Fachleute aus der Psychiatrie, aus Vormundschafts- und Beratungsstellen, Ärzte, Schulsozialarbeiter, Lehrpersonen, Angehörige, Freunde und nicht zuletzt die betroffenen Personen selber, sich der Situation der Jugendlichen und Kinder bewusst werden. Durch ihre Unterstützung und Betreuung können sie massgeblich zu deren Wohlbefinden beitragen.

Die Depression eines Elternteils wirkt sich sehr stark auf das Familienleben aus. In manchen Fällen erhalten die Jugendlichen keinerlei Unterstützung oder es kommt zu Streit oder sogar häuslicher Gewalt. Manchmal wird ihnen zugemutet, den erkrankten Elternteil zu ersetzen oder sie werden stark vernachlässigt. Die Situation ist für sie enorm belastend, sie sind überfordert und hilflos. Sie reagieren mit Rückzug, Aggressivität oder verhalten sich möglichst unauffällig, teilweise angepasst, um nicht ständig in Konflikt zu geraten. Sie geben an, sich durch dieses Verhalten selbst zu schützen um nicht an der belastenden Situation zu zerbrechen. Sie haben oft Schuldgefühle. Wenn die Depression abgeklungen ist, verdrängen sie die Ereignisse und machen sich bewusst keine Gedanken über die Zukunft oder einen möglichen Rückfall.

Die Jugendlichen sollten wissen, dass sie Rechte haben und wo sie Hilfe suchen müssen. Auf solche Hilferufe muss unbedingt eingegangen und die nötigen Schritte eingeleitet werden.

Im Notfallplan meines Ratgebers erfahren die Jugendlichen, an wen sie sich wenden können, falls sie oder die Eltern Hilfe benötigen. Ich zeige aber bewusst keine extremen Familiensituationen auf. Ich versuche, den Jugendlichen Mut und Hoffnung zu machen, dass der Vater oder die Mutter wieder gesund wird. Ich möchte sie beruhigen und ihnen die Angst nehmen. Das hilft, eine positive Einstellung zur Situation aufzubauen.

Jugendliche haben viele Fragen


Ist meine Mutter jetzt verrückt geworden? Wird sie wieder „normal“? Kann sie sich nicht etwas zusammenreissen? Was ist eine Depression und wie fühlt sich das an? Wie soll ich mich verhalten? Weshalb ist sie krank? Bin ich schuld? Darf ich mit meinen Freunden darüber sprechen? Darf ich zur Party gehen und sie alleine lassen? Wer führt jetzt den Haushalt? Was bespricht sie mit dem Therapeuten? Wer hilft mir?...

Meine Erfahrungen und die Auswertung meiner Befragungen haben gezeigt:


  • Die Jugendlichen müssen ins Geschehen einbezogen und ihre Anliegen und Bedürfnisse ernst genommen werden.
  • Sie müssen dem Alter entsprechend über die Depression aufgeklärt werden, damit sie die Reaktionen und Gefühle der depressiven Person besser verstehen können. Ängste und Unsicherheiten können abgebaut werden und sie sind eher bereit, auf die erkrankte Person einzugehen. Dies kann wesentlich dazu beitragen, den Familienalltag gemeinsam bestmöglich zu meistern und den Genesungsprozess des erkrankten Elternteils positiv zu beeinflussen.
  • Der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung in der Familie, sowie
  • der offene und ehrliche Dialog über die Krankheit sind enorm wichtig. (s. auch Artikel NZZ, 6.1.2014)
  • Kinder sind sehr sensibel und merken rasch, dass mit dem erkrankten Elternteil etwas nicht stimmt. Es ist deshalb sehr wichtig, auch mit jüngeren Kindern über die Krankheit zu sprechen. Wenn man versucht, den Kindern einzureden es sei alles in bester Ordnung, können sie ihren Gefühlen nicht mehr trauen und dies kann auf ihr Entwicklung negative Auswirkungen haben.
  • Kinder und Jugendliche haben oft das Gefühl, dass Sie Schuld tragen an der depressiven Stimmung des erkrankten Elternteils. Solchen Schuldgefühlen und auch der Angst, nicht mehr geliebt zu werden, muss unbedingt vorgebeugt werden.
  • Kinder brauchen eine Bezugsperson, die für sie da ist und ihnen volle Aufmerksamkeit schenken kann.
  • Für Jugendliche und Angehörige ist es oft hilfreich, wenn sie mit nahestehenden Personen und Freunden über ihre Sorgen sprechen können.
  • Auch Lehrpersonen können informiert werden, damit sie auf mögliche Verhaltensveränderungen der Kinder eingehen können.
  • Die Familien müssen in die Behandlung einbezogen und raschmöglichst mit den notwendigen Informationen versehen werden (Krankheit / Auswirkungen / Tipps Umgang mit dem erkrankten Elternteil / Bedürfnisse Kinder und Jugendliche / Hilfe in Anspruch nehmen / Entlastung / Abgrenzung / Hilfsangebote / Fachstellen / Notfalladressen / Arbeitgeber / Versicherungen / Krankenkasse / IV / Früherfassung / Frühintervention / Interinstitutionelle Zusammenarbeit)


Deshalb darf die Depression nicht länger ein Tabuthema bleiben…